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  • Müssen wir lernen, richtig zu atmen?
  • Charlotte Selver: Über das Atmen
  • Schwangerschaftsbegleitung
  • Geburtsvorbereitung

Müssen wir lernen, richtig zu atmen?

Oder gibt es einen Prozess des Heilwerdens in uns, den wir in Bewegung setzen können, wenn wir lernen uns selbst besser wahrzunehmen und Impulse von innen zuzulassen? Wenn wir in das Atemgeschehen eingreifen, können wir ein sensibles System stören, und handeln immer nur aus schon Gewusstem, anstatt die Selbstregulierung des Organismus zu ermöglichen. Oft wissen wir aber nicht, was gebraucht wird und welcher der beste Weg dazu ist.
 
Es gilt also, den Atem nicht von außen zu manipulieren, sondern sich mehr und mehr auf ihn einzulassen und so mit ihm auch die eigene Tiefe kennenzulernen. Dann kann auch die Heilkraft des Atems auf allen Ebenen wirken.
Meine beiden wichtigsten Lehrerinnen auf dem Weg des Atems waren:
 

Charlotte Selver

1901 - 2003
...die noch mit 101 Jahren unterrichtet hat und mir vermittelt hat, dass wir ganz und gar so sein dürfen wie wir sind, auch im Atmen.
 
Charlotte Selver war als Schülerin von Elsa Gindler eine der Pionierinnen im frühen Deutschland, welche erkannten, dass mechanische Körperertüchtigung ohne Bewusstheit nur begrenzte Wirkungen hat. Nachdem sie schon in Deutschland viele Jahre unterrichtet hatte, emigrierte sie 1938 nach Amerika, wo sie in mehr als 60 Jahren ihre Arbeit, welche sie dann Sensory Awareness nannte, entwickelte.
Grundlage ist eine Haltung von Offenheit und Achtsamkeit auch im Alltag. So gibt es keine vorgegebenen Übungsabläufe, sondern ein Erforschen von Bewegung, Kontakt mit anderen Menschen oder Wahrnehmungen in einfachen Settings. Ein Schlüsselwort dieser Arbeit ist das "Erlauben" im Gegensatz zum Erzwingen und Machen, oder Korrigieren von "Falschem". Das braucht Vertrauen in unsere Natur und in die Möglichkeit zu Veränderung und Wachstum durch organische Prozesse.
 
In Charlottes Arbeit war der Atem genauso wie der Umgang mit der Schwerkraft immer präsent, meist ohne direkt angesprochen zu werden. Sie hat mich gelehrt, den Atem selbstverständlich als Teil von mir zu erleben und ihm mit Neugier und Interesse zu begegnen, ohne ihn aktiv verbessern zu wollen.
 

Ilse Middendorf

1910 - 2009
...hat mich im "Erfahrbaren Atem" ausgebildet und meine Wahrnehmung für den Atem weiter geschärft.
 
Sie hat mit ihrer Atemlehre eine Methode entwickelt, den eigenen Atem in seiner Körperlichkeit spüren und entdecken zu lernen, das "Weit und Schmal" der Atembewegung zu erfahren und mehr und mehr zuzulassen.
Die von ihr entwickelten Übungsweisen ermöglichen die Vertiefung und Unterstützung des Atems ohne Manipulation und sind sehr gut in den Alltag integrierbar. Verbesserung des Körperbewusstseins, die Schulung der Wahrnehmung und vor allem das Freilegen des individuellen Atemrhythmus, der Ilse Middendorf ein zentrales Anliegen war, ermöglichen nach und nach nicht nur mehr körperliches Wohlbefinden, sondern auch immer besseren Kontakt zu sich selbst und zum eigenen Sein.

Charlotte Selver: Über das Atmen

Dieser Text ist Ausschnitt eines Workshops in Sensory Awareness mit Charlotte Selver. Deutsche Übersetzung München, 1988; Original: On Breathing, SAF Bulletin Nr.1, 1971
 
Wir haben soeben einige Fotografien gesehen. Unter ihnen war eine von Gräsern, die am Wasser wachsen. Da lag ein solcher Reiz in der Kraft und Lebendigkeit des Grases und ein solch wundervoller Zusammenklang von Wasser, Gestein, Erde, Sonnenlicht und Schatten mit den Pflanzen, dass ich mir dachte: es gibt nichts Besseres, um uns – gleich am Anfang – bewusst werden zu lassen, dass in der Natur nichts allein steht, dass auch wir von Natur aus nicht von der Welt um uns isoliert sind und dass auch, zum Beispiel, der Prozess des Atmens mit allem verbunden ist, das in uns und um uns geschieht, genauso wie die Pflanzen mit allem, was sie umgibt, verbunden sind.
 
In der Tat, jedes Ereignis, jedes Hier-Sein – selbst unser Hier-Sitzen, unser aller Hier-Zusammensein – hat schon in dem Augenblick, in dem es geschieht, einen Einfluss auf uns: auf unser Atmen, unseren Blutkreislauf, auf das, was in unserem Magen geschieht, auf das Funktionieren unserer Drüsen, und so weiter. Mit anderen Worten, diese geheimnisvolle Verwobenheit mit der Umwelt, die im lebenden Organismus stattfindet, kommt in jedem Augenblick in dem wir leben, in unserer Umwelt leben, zum Ausdruck.
 
Wir sind gewöhnlich nicht wach genug, es wahrzunehmen, aber manchmal wird Ihnen vielleicht aufgefallen sein, dass, wenn etwas oder jemand Sie wirklich interessiert, Sie plötzlich lebendiger werden, selbst wenn Sie soeben noch müde waren. Ihr Atmen verändert sich; Ihre Vitalität verändert sich; Sie funktionieren ganz anders als zuvor. Und vielleicht fragen Sie sich, "Wie ist das möglich?"
 
Nirgends im Organismus gibt es Grenzen für irgendein Ereignis da zu sein.
 
Alles in uns kann ständig auf das reagieren, womit wir gerade in Berührung kommen – wenn wir es erlauben. Wir sind ständig mit etwas in Berührung – zum Beispiel, der Luft um uns, dem Boden unter uns, der Arbeit, die wir tun, den Menschen, denen wir begegnen... – und deshalb sind wir nie allein, nie isoliert. Der ganze Tag ist voller Einladungen, aber nur wir selbst können wahrnehmen, ob und wann wir auf sie reagieren. Die Frage ist: antwortet es in uns auf diese beständigen Einladungen, die uns jung, beweglich und reaktionsbereit halten können, immer neu, denn jede Einladung ist neu. Stellen Sie sich vor, welche Änderung eine solche Reaktionsbereitschaft in unser Leben bringen könnte.
 
Wem würde das gefallen? Wem nicht? Unterscheiden zu lernen zwischen spontanem und gewohnheitsmäßigem Verhalten ist eines der Hauptthemen unserer Arbeit. Wie ein Mensch lebt – gewohnheitsmäßig oder reaktionsbereit im täglichen Leben – ist die große Frage, um die sich unsere Arbeit dreht. Viele Menschen unterscheiden, zum Beispiel, nicht zwischen spontanem und gewohnheitsmäßigem Atmen. Wir haben die Vorstellung, wenn wir einfach so sind, wie wir immer sind, dann sind wir spontan; wenn wir allem mit Druck begegnen, von Ungeduld getrieben sind oder lethargisch sind, sagen wir, "Das ist meine Natur, so bin ich eben."
 
Wer weiß, was uns dazu gebracht hat!
 
Es mag zur Gewohnheit geworden sein – aber es ist eine Abweichung von unserer wahren Natur. Atmen ist immer wie der Mensch ist. Es ist der deutlichste Hinweis auf das, was im Menschen vorgeht – es sei denn – es ist manipuliert.
 
Viele Leute denken, dass sie "richtig" atmen sollen. Vergessen Sie das! Es hat keinen Wert, denn es gibt kein "richtiges" Atmen. Ihr Atmen verrät sehr deutlich, in welchem Zustand Sie sind. Wenn Sie reaktionsbereiter sind, ist auch Ihr Atem reaktionsbereiter. Gehen Sie an Dinge gewohnheitsmäßig heran, ist auch Ihr Atmen gewohnheitsmäßig. Wenn Sie drängeln, dann drängelt auch Ihr Atem oder er hält an. Sie können sich darauf verlassen – so wie Ihr Atmen ist, so sind Sie. Ich würde sagen, in jedem beliebigen Augenblick ist mein Atmen ich, es ist immer ich.
 
Wenn wir uns jetzt mehr mit dem Atmen beschäftigen, bitte verschließen Sie sich nicht gegenüber anderen Empfindungen. Alles, was in uns geschieht, ist sehr wertvoll. Wenn Sie sich nur um Atmen kümmern, machen Sie sich ärmer. Es ist viel besser, Sie erfahren erst einmal die große Vielfalt von Vorgängen und Empfindungen, die in Ihnen geschehen.
 
Erinnern Sie sich an die Gräser auf der Fotografie; wir arbeiten nicht an etwas Isoliertem. Wenn alles natürlich verläuft, ist die Atmung eine immerwährende Energiequelle. Sie sorgt für genau das Maß an Energie, das wir brauchen, für das, was wir gerade tun – wenn wir es erlauben.
 
Der Atem ist ungeheuer sensibel.
 
Wenn wir innerlich wach sind, wird unsere Atmung auf jedes bisschen mehr oder jedes bisschen weniger, das von uns verlangt wird, reagieren. Es ist ungefähr das Gleiche, wie wenn, zum Beispiel, ein Pianist ein Brahms-Konzert spielt. Es gibt Passagen, die große Zartheit und Ruhe verlangen, und es gibt solche, die sehr emotionell und kraftvoll sind. Und der, der spielt, muss das alles geben können, sonst spielt er einfach nicht gut.
 
Jeder, der Klavier spielt, kann Ihnen sagen, dass es der größten Präsenz bedarf um pianissimo zu spielen; er muss ganz da sein für dieses Pianissimo, und nur dafür. Im nächsten Augenblick muss er da sein für ein Crescendo, und dann für mehr Crescendo, bis sich die größte Kraft entwickelt. Und die gleiche wunderbare Möglichkeit haben wir beim Atmen. Wenn wir auf dem Boden liegen, wird unser Atmen auf das Liegen auf dem Boden reagieren und es wird uns nähren. Jeder Moment verlangt etwas anderes, ob wir Klavier spielen oder kämpfen, ob wir laufen oder springen – mit was auch immer wir gerade beschäftigt sind.
Die Reaktion im Atmen wird stets die, für das was wir tun, benötigte Energie zur Verfügung stellen, wenn wir sie nicht zurückhalten und innerlich zu gleichgültig sind oder gewohnheitsmäßig reagieren, so dass sie nicht spontan verlaufen kann. Wir brauchen uns nicht zu sagen, „Atme!“ Atem kommt von selber, ganz spontan, wenn wir es erlauben. Deshalb ist es das Zulassen – die Möglichkeit, mehr erlauben zu können – das wir erforschen wollen.
 
Wenn wir mehr dem nachgeben, was dies Zulassen bedeutet, ist der ganze Tag voller Gelegenheiten, diese Möglichkeit mehr auszuschöpfen – oder, anders ausgedrückt: allem, mit dem wir in Kontakt kommen, mit etwas mehr Liebe zu begegnen. Und die Rolle, die das Atmen dabei spielt, ist ungeheuer groß. Sobald wir offener werden für das, was uns entgegenkommt oder was wir tun, entdecken wir, dass das Erste, woran wir diese größere Offenheit erkennen können, unser Atem ist.
 
Mit anderen Worten, wenn das Herz berührt ist, wenn das Innere berührt ist, wenn wir wirklich zulassen, dass uns etwas – wie wir so schön sagen – berührt, dann öffnet sich etwas in uns, wird wach und interessiert und lässt uns einfach atmen. Wir machen unser Atmen nicht. Das Atmen geschieht von selbst, es wird von selbst spürbar.
 
Das Atmen zu erforschen, muss ein wirkliches Üben sein, aber ein Üben, das jedes Mal vollkommen neu ist – keine Wiederholung von anno dazumal (selbst von dem, was wir gerade „gelernt“ haben), sondern ein Herausfinden was geschieht bei der jeweils im Augenblick gegebenen Bedingung und Tätigkeit.
Kein Augenblick lässt sich mit einem anderen vergleichen; in jedem gibt es etwas Neues zu entdecken. Es gibt Menschen, die ein Leben lang in dieser Weise Atmen erspürt haben. Es ist eine der allerschönsten, allerbefriedigendsten Aufgaben, mit der Sie sich beschäftigen können, denn wenn Sie durch eigene Erfahrung das Atmen entdecken, werden Sie ruhiger, freier, sicherer, gesünder und lebendiger. Sie haben Zeit dafür!
Solange Sie leben, hört es nie auf; so machen Sie sich keine Sorgen darüber, wie lange Sie dazu brauchen werden!
Es ist sehr wichtig, dass Sie sich Zeit nehmen für dieses Auskundschaften des Atmens; vielleicht beginnen Sie damit, gar nicht zu atmen.
Wem ist es schon aufgefallen, dass wir alle sehr häufig den Atem anhalten? Vielleicht merken wir es nicht oder nur dann, wenn uns jemand darauf aufmerksam macht. Es ist sehr wichtig, dies zu fühlen.
 
Und sobald das geschieht, taucht die Frage des Erlaubens auf.
 
Wenn Sie pflichtbewusst sind, beginnen Sie zu atmen, sobald Sie fühlen, dass Sie aufgehört haben zu atmen. Das bedeutet, Sie tun etwas. Das bedeutet nicht, dass es in Ihnen atmen will. Vielleicht möchte Ihr Atem weiter stocken. Irgendwann werden Sie ganz sicher fühlen, dass Ihr Atem von selbst anfängt; und das ist eine wunderbare Entdeckung. Sagen Sie sich nicht den ganzen Tag, „Atme!“ Wenn Sie spüren, dass Sie Ihr Atmen anhalten, warten Sie ein bisschen. Warten Sie bis Ihr Atmen zu funktionieren beginnt für das was Sie gerade tun. Es wird Ihnen auffallen, dass Ihr Atmen dann aufhört, wenn irgendwas in Ihrer Beziehung zu dem, was Sie gerade tun, nicht ganz stimmt.
 
Entweder sind Sie ängstlich oder zögernd oder schüchtern oder von etwas überwältigt – vielleicht widerstrebt Ihnen etwas oder Sie halten sich aus irgendeinem Grunde zurück. Es ist psychologisch sehr interessant herauszufinden, was in dem Augenblick Ihr Atmen anhält. Es ist auch möglich, dass Sie alles mit zu viel Druck, zu viel Dringlichkeit, zu viel Aufpassen und Beobachten tun. Bei vielen Menschen hört, sobald sie aufpassen oder beobachten – bums! – das Atmen auf.
 
Wenn der Kopf zu beschäftigt ist, hört das Atmen auf. Es gibt Tausende von Gründen, warum das Atmen aufhören kann. Sie könnten erstaunt sein, Sie könnten erschreckt sein, Sie könnten dies oder das sein. Und es ist zwecklos deshalb mit sich ärgerlich zu sein.
 
Seien Sie dankbar, dass Sie es fühlen. Versuchen Sie nicht gleich, es zu verbessern, zwingen Sie sich nicht zu Veränderungen! Dann werden Sie diese herrliche Tatsache entdecken, dass das Atmen wieder von selber anfängt – wenn Sie es nicht hindern.
 
Das wichtigste ist, dass Sie lernen, Geduld und Respekt zu haben für das, was Sie finden (und nicht anfangen sich herumzukommandieren, „Atme!“). Ist das klar? Seien Sie hier sehr sorgfältig. Es kann die Entdeckung des spontanen Atmens völlig zerstören, wenn Sie versuchen, Ihr Atmen zu manipulieren, sobald Sie merken, dass Sie nicht atmen. Wenn Sie fühlen, dass Ihr Atem zu flach ist, was oft bedeutet, dass Sie nicht genügend Anteil nehmen an dem, was die Situation verlangt, könnten Sie vielleicht ein bisschen mehr bereit werden für das, was Sie gerade tun. Und Sie werden entdecken, dass diese Änderung in Ihrem Verhalten eine Wirkung auf Ihr Atmen hat. Und wenn sich Ihr Atmen ändert – schneller oder langsamer wird, oder wenn Sie seufzen müssen oder irgendwas anderes passieren möchte – erlauben Sie das mit Freude.
Das ist ein Weg zu lernen, was „Erlauben“ bedeutet.

Schwangerschaftsbegleitung

Die Schwangerschaft ist eine Zeit größter Veränderungen und verlangt Anpassungsfähigkeit in körperlichen und seelischen Bereich. Die Frau ist gefordert, sich auf die Situation als werdende Mutter einzustellen und ihr Selbstbild der sich fast täglich wandelnden Realität anzugleichen.
Es ist eine Zeit, die das Nach-Innen-Spüren unterstützt, zum eigenen Körper und zum Kind. Vom Organismus kommen deutlichere Signale als sonst, die zeigen, was zuträglich ist und was nicht. Somit bietet sich eine gute Gelegenheit zu lernen, auf die Botschaften des eigenen Körpers zu lauschen.
 
Der Wunsch nach außen zu gehen reduziert sich mit fortschreitender Schwangerschaft meist von selbst, entsprechend der geringeren Belastbarkeit.
 
Der Organismus passt sich den Bedürfnissen des wachsenden Kindes im Mutterleib an:
 
  • Der Blutkreislauf stellt sich um und nimmt das Ungeborene in die Versorgung auf, die Gesamtblutmenge erhöht sich.
  • Atemvolumen und -rhythmus verändern sich entsprechend.
  • Die Organe im Bauchraum und das Zwerchfell müssen ihren Platz neu finden. Das hat Auswirkung auf die Verdauung und das Atmen.
  • Durch die Gewichtszunahme vor allem im Bauchbereich verändert sich die Statik. Es gilt eine ganz neue Haltung zu finden.
  • Gelenksverbindungen lockern sich, um dem Kind mehr Platz zur Verfügung stellen zu können. Dadurch wird längeres Stehen beschwerlich.
  • Darüber hinaus geschehen viele weitere Veränderungen, die alle für das ungestörte Wachstum des Kindes sorgen und den Körper der Frau auf die Geburt vorbereiten.
 
Seelisch erfährt die Frau unter positiven Umständen eine tiefe Öffnung zum Ungeborenen hin und ein neues Erleben von Sinn. Die Partnerschaft erfährt eine neue Wertigkeit, die Lebensplanung muss oft geändert oder angepasst werden, und die eigene Rolle in der Gesellschaft verändert sich.
 
Die Schwangerschaft bringt auch Ängste mit sich. Themen sind u. a. die Gesundheit des Kindes, die Bewältigung von Geburtsschmerzen und die Lebensumstellung nach der Geburt. Es ist eine Phase der Vorbereitung, der Wandlung und des Abschiedes. Nach der Geburt des Babys ist die Frau ihrem Kind oft auf eine Weise verbunden, die keiner anderen Beziehung gleicht, und sie wird sich selbst anders erleben.
 
Was ist nun in dieser Zeit hilfreich? Wesentlich sind vor allm die Verfeinerung der Selbstwahrnehmung und die Bereitschaft, die körpereigenen Signale ernst zu nehmen. Dazu gehören auch das Üben des Zulassens des Atems in seinem natürlichen Rhythmus und das Erlernen des bewussten Entspannens. Günstig ist ein möglichst frühzeitiger Beginn des Übens, weil das Kind anfangs körperlich noch nicht so viel Aufmerksamkeit auf sich zieht, und dadurch die eigenen Impulse besser wahrnehmbar sind.
 
Entwicklung der Rückenkraft ist zentral. Sie bietet die nötige Ressource für eine neue Statik und Haltung; Bewusstmachung des Beckenbereiches mit dem Beckenboden und seinen Bewegungsmöglichkeiten ergänzt sie.
Die Erschließung der Atemräume bietet weitere wirkungsvolle Hilfen: der untere Raum beherbergt das Kind und unterstützt die Erdung, der mittlere Raum sorgt für die Verankerung in der eigenen Mitte und stellt gemeinsam mit dem oberen Raum neue Weite zur Verfügung. Der Einsatz der Stimme im Tönen hilft dabei und spricht auch den seelischen Bereich mit an.
 
Text: Hannah Rausch, Erstveröffentlichung in: Atem und Bewegung, Theorie und 111 Übungen von Norbert Faller, Verlag: Springer; Auflage: 2. Aufl. 2009 (11. Mai 2009), ISBN-10: 3211094563, ISBN-13: 978-3211094563

Geburtsvorbereitung

Ein Kind zu gebären bietet für die Frau die Chance einer tiefgreifenden und außergewöhnlichen Wachstumserfahrung.
Unter günstigen Umständen kann die Geburt für sie eine Grenzerfahrung werden, in der sie intensive Emotionen erlebt, ungeahnte Kraft kennen lernt und letztlich daraus neu und gestärkt hervorgeht. Im negativen Fall kann die Geburt zum Erleben von Ohnmacht, Versagen und Ausgeliefert-Sein führen und durchaus zur traumatischen Erfahrung werden.
 
Voraussetzungen für positives Erleben sind eine einfühlsame Begleitung, die die Gebärende nicht bevormundet und die Fähigkeit der Frau, sich dem Prozess ganz hinzugeben. Sie muss das Bedürfnis nach Kontrolle der Situation überwinden, trotz Angst und Schmerzen auf die Wehenkräfte vertrauen und sich auf die Signale ihres Körpers einlassen.
 
Die klassichen Parameter jeder Geburtsvorbereitung sind das Üben von Atmung und Entspannung. Das bewusste Zulassen des Atems und das Vertrauen in den ganz persönlichen Atemrhythmus entsprechen hier dem Annehmen der Natur. Dieses Annehmen des eigenen Rhythmus erleichtert die Geburt mehr als eine perfekte, aber mechanisch durchgeführte Atemtechnik. Der zugelassene Atem passt sich in jedem Moment der jeweiligen Situation an und entspricht immer dem, was gerade benötigt wird - nicht zu viel und nicht zu wenig.
Der Atem ist auch ein nicht zu übertreffendes Hilfsmittel zur Bewältigung von Angst und Schmerz, gibt Mitte und wird als einziger beständiger Parameter zum Leitseil (Ilse Middendorf), an dem sich die Frau anhalten kann.
 
ANGST MACHT ENG, ATEM SCHAFFT RAUM!
 
In der Vorbereitung für die Geburt gilt es das Körperbewusstsein weiter zu ergänzen und zu verfeinern. Mit Hilfe des Atems können körperliche Bereiche neu erschlossen und belebt werden. Diese differenzierte Bewusstheit hilft dabei, günstige Geburtspositionen einzunehmen und Kraft gerichtet dort einzusetzen, wo sie benötigt wird. Auch gezielte Entspannung ist leichter möglich.
Während in der Schwangerschaft die Unterstützung von Wohlbefinden, das Vorbeugen und Lindern von Beschwerden und der innige Kontakt mit dem Kind im Vordergrund standen, geht es jetzt darum, sich auf das Loslassen des Ungeborenen vorzubereiten. Das braucht nicht nur Hingabe an den Prozess, sondern auch körperliche Aktivität und Energie. Nun ist das Thema, sich den eigenen Ängsten zu stellen und bereit zu werden für großen körperlichen Einsatz.
 
Tönen als Vorbereitung unterstützt die Ausatemkraft, bewirkt Bewegung und Schwingung von innen her und schafft Raum. Bei eingeschränkter Bewegungsmöglichkeit in der Schwangerschaft bietet es eine wertvolle Ergänzung. Ein elastisches Zwerchfell erleichtert ein eventuell nötiges "Veratmen" von Presswehen.
 
Der Atem stellt Energie bereit für Mutter und Kind. Das freie Fließen-Lassen des Atems ist grundlegend für den Energiefluss während der Geburt, die große körperliche Anforderungen stellt. Die Kraft des Ausatems ist der Geburt dienlich, denn es gilt mit dem Atem das Kind in die Welt zu entlassen.
Wenn der Atem in seinem Rhythmus schon in der Schwangerschaft selbstverständlich und vertraut geworden ist, kann er bei der Geburt in der aktiven Austreibungsphase bewusst eingesetzt werden.
 
Mit dem ersten Atemzug beginnt ein kleiner Mensch sein Erdendasein in einem unverwechselbaren Atemrhythmus.
 
Text: Hannah Rausch, Erstveröffentlichung in: Atem und Bewegung, Theorie und 111 Übungen von Norbert Faller, Verlag: Springer; Auflage: 2. Aufl. 2009 (11. Mai 2009), ISBN-10: 3211094563, ISBN-13: 978-3211094563